Ratgeber · Unfall und Verletzung · Stand 25.10.2026

Unfallchirurg oder Orthopäde: Wer ist wofür zuständig?

Bei einem akuten Unfall oder frischer Verletzung ist der Unfallchirurg die erste Wahl, bei chronischen Beschwerden an Gelenken, Wirbelsäule und Muskeln der Orthopäde. Beide Fachgebiete bilden seit der Neuordnung der Weiterbildung den gemeinsamen Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie.

Der gemeinsame Facharzt

Früher waren Orthopädie und Unfallchirurgie getrennte Gebiete. Heute gibt es in Deutschland den Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie. Er behandelt Erkrankungen und Verletzungen des Bewegungsapparates, dazu zählen Vorbeugung, Diagnostik, konservative und operative Behandlung, Nachsorge und Rehabilitation. Die Weiterbildung dauert laut Muster-Weiterbildungsordnung (Fassung vom 3. Juli 2026) mindestens 72 Monate im Gebiet Chirurgie, davon mindestens 48 Monate in Orthopädie und Unfallchirurgie. Eine Schwerpunkt-Weiterbildung wie „Spezielle Unfallchirurgie“ oder „Spezielle Orthopädische Chirurgie“ baut auf dem Facharzt auf und zeigt eine weitere Spezialisierung. Da die Weiterbildungsordnungen der Länder leicht abweichen, fragen Sie bei Zweifeln bei Ihrer Ärztekammer nach.

Wofür ist der Unfallchirurg zuständig?

Die Unfallchirurgie behandelt akute Verletzungen, also Brüche, Gelenkverrenkungen, Bänderrisse, Sehnenverletzungen, Wunden sowie Sport- und Arbeitsunfälle. Dazu zählt auch die Versorgung mehrfach Verletzter (Polytrauma) in Kliniken. Durchgangsärzte, die bei Arbeits- und Wegeunfällen entscheiden, sind häufig Unfallchirurgen.

Wofür ist der Orthopäde zuständig?

Die Orthopädie befasst sich mit angeborenen und erworbenen Erkrankungen des Bewegungsapparates: Arthrose, Rückenschmerzen, Haltungs- und Fußfehlstellungen, Sehnenreizungen, Rheuma und Gelenkersatz. Viele Behandlungen sind konservativ, etwa Physiotherapie, Hilfsmittel, Injektionen oder Einlagen. Bei Bedarf folgen Operationen wie Prothesen.

Häufige Missverständnisse

  • „Der Orthopäde operiert nicht“ stimmt nicht: Der gemeinsame Facharzt umfasst konservative und operative Behandlung.
  • „Unfallchirurgen sind nur für Notfälle da“ stimmt ebenfalls nicht: Viele Praxen behandeln auch Nachsorge, Sportverletzungen und Folgeschäden alter Verletzungen.
  • „Ohne Überweisung bekomme ich keinen Termin“ gilt für Akutfälle nicht.
  • Der Titel allein sagt wenig über den Schwerpunkt. Fragen Sie nach, welche Beschwerden häufig behandelt werden.

Bei starken Beschwerden, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen, ist die Hausarztpraxis eine gute erste Anlaufstelle. Sie kann Dringlichkeit einschätzen und an die passende Praxis überweisen.

Wohin bei welchem Problem?

SituationPassende Anlaufstelle
Sturz mit Verdacht auf BruchUnfallchirurg, Notaufnahme
Umgeknickter KnöchelUnfallchirurg oder Orthopäde
Sportverletzung, frischUnfallchirurg
Arbeits- oder WegeunfallDurchgangsarzt
Langjährige Knieschmerzen, ArthroseOrthopäde
Rückenschmerzen seit WochenOrthopäde oder Hausarzt
Fußfehlstellung, EinlagenOrthopäde
Verdacht auf Bruch bei KindernKinderchirurgie oder Unfallchirurgie

Weil beide Gebiete im gleichen Facharzt vereint sind, behandeln viele Praxen beides. Praxen haben jedoch Schwerpunkte. Fragen Sie bei der Terminvergabe, ob Ihre Beschwerde dort versorgt wird.

Muss ich eine Überweisung haben?

Gesetzlich Versicherte können in vielen Fällen direkt eine Facharztpraxis aufsuchen. Wenn Sie in einem Hausarztmodell eingeschrieben sind, gelten dessen Regeln. Eine Überweisung hilft, Befunde weiterzugeben, und kann bei der Terminvergabe über die 116117 relevant sein. Mehr dazu finden Sie im Leitfaden zur Überweisung zum Chirurgen. Bei akuten Unfällen brauchen Sie keine Überweisung.

Wann ist die Chirurgie die richtige Fachrichtung?

Neben der Unfallchirurgie gibt es weitere chirurgische Fachrichtungen, etwa Allgemein-, Viszeral-, Gefäß-, Hand- und Plastische Chirurgie. Handverletzungen gehören zur Handchirurgie, Krampfadern zur Gefäßchirurgie, Leisten- und Gallenblasenerkrankungen zur Viszeralchirurgie. Welches Gebiet passt, klärt die Praxis am Telefon oder die Hausärztin mit der Überweisung.

Typische Beschwerden und die passende Fachrichtung

Viele Beschwerden liegen im Grenzbereich. Ein Beispiel: Schulterschmerzen nach einem Sturz gehören zum Unfallchirurgen, Schulterschmerzen seit Monaten ohne Unfall häufig zum Orthopäden. Ein Kreuzbandriss beim Sport ist eine Unfallverletzung, die Folgeschäden am Meniskus werden aber orthopädisch beobachtet. Weil beide Gebiete im selben Facharzt verankert sind, wird das Sprechen am Telefon wichtiger als die Fachrichtung. Schildern Sie in zwei Sätzen, was passiert ist und seit wann es besteht. Die Praxis kann dann einschätzen, ob ein kurzfristiger Termin nötig ist.

  • Frische Verletzung innerhalb weniger Tage: möglichst zeitnah vorstellen.
  • Beschwerden seit Wochen ohne Unfall: regulärer Termin reicht meist.
  • Alarmzeichen wie Fehlstellung, Taubheit, Lähmung: Notaufnahme.

Was kann eine Praxis, was die Klinik?

Praxen versorgen Diagnostik, konservative Behandlung, kleine Eingriffe, Nachsorge und viele ambulante Operationen. Kliniken übernehmen komplexe Brüche, Mehrfachverletzungen, Eingriffe mit stationärer Überwachung und Notfälle. Manche Kliniken sind als überregionale Traumazentren in Netzwerken organisiert. Üblich ist, dass die Praxis erklärt, warum sie Sie weiterschickt, und Befunde mitgibt. Fragen Sie nach Schwerpunkt und Erfahrung mit Ihrer Beschwerde, ohne dass daraus ein Qualitätsurteil über einzelne Anbieter folgt. Verzeichnisse helfen bei der Orientierung, ersetzen aber nicht die ärztliche Empfehlung.

Kosten und Abrechnung: macht die Fachrichtung einen Unterschied?

Für gesetzlich Versicherte rechnen beide Fachrichtungen über die Krankenkassenkarte ab. Nach einem Arbeits- oder Wegeunfall trägt die gesetzliche Unfallversicherung die Kosten, sofern der Unfall gemeldet und beim Durchgangsarzt vorgestellt wurde. Privat Versicherte und Selbstzahler erhalten Rechnungen nach der Gebührenordnung für Ärzte. Für individuelle Gesundheitsleistungen, die nicht zum Kassenkatalog gehören, muss die Praxis vorab über die Kosten informieren.

Termin finden: Terminservicestelle und Wartezeit

Sie finden keinen zeitnahen Termin? Die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen sind nach § 75 SGB V rund um die Uhr unter einer bundesweit einheitlichen Nummer (116117) erreichbar. Die Wartezeit auf einen Facharzttermin darf demnach vier Wochen nicht überschreiten. Für Termine bei Fachärztinnen und Fachärzten ist in der Regel eine Überweisung nötig, Ausnahmen gelten für Augen- und Frauenärzte. Bei einer frischen Verletzung warten Sie nicht auf einen regulären Termin, sondern wenden sich direkt an eine unfallchirurgische Praxis oder die Notaufnahme.

Durchgangsarzt: Wer das ist und was er prüft

Durchgangsärzte sind fachlich geeignete Ärztinnen und Ärzte mit besonderer Zulassung der Unfallversicherungsträger, niedergelassen oder an Kliniken. Laut DGUV sind bundesweit über 3.500 Ärzte beteiligt, rund 2,7 Millionen Versicherte werden jährlich im Verfahren versorgt. Zugelassen wird, wer die fachliche Befähigung und besondere personelle, apparative und räumliche Anforderungen erfüllt. Der Durchgangsarzt entscheidet, ob eine allgemeine oder eine besondere Heilbehandlung nötig ist, führt die besondere Heilbehandlung in der Regel selbst durch und überwacht bei hausärztlicher Behandlung den Heilverlauf. Nicht jede unfallchirurgische oder orthopädische Praxis ist Durchgangsarzt, fragen Sie bei der Terminvergabe nach.

Checkliste

Fragen vor der OP

Zehn Fragen für das Aufklärungsgespräch. Haken setzen, sobald eine Frage geklärt ist. Die Haken werden weder gespeichert noch übertragen.

Ratgeber: Aufklärung und Einwilligung

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Unfallchirurg und Orthopäde?

Der Unfallchirurg versorgt vor allem akute Verletzungen, der Orthopäde überwiegend chronische und degenerative Beschwerden. Beide gehören zum gemeinsamen Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie.

Zu wem gehe ich bei einem Knochenbruch?

Zum Unfallchirurgen oder in die Notaufnahme. Dort sind Röntgen und die Möglichkeit zur Operation vorhanden.

Zu wem gehe ich bei Knieschmerzen?

Bei Schmerzen nach einem Unfall zum Unfallchirurgen, bei länger bestehenden Beschwerden zum Orthopäden.

Ist ein Orthopäde auch Chirurg?

Der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie ist ein chirurgisches Fach und umfasst operative Behandlungen.

Brauche ich eine Überweisung?

Bei akuten Unfällen nicht. Sonst ist sie nützlich, und je nach Hausarztmodell vorgeschrieben.

Wie lange dauert die Facharztausbildung?

Die Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie dauert mindestens 72 Monate. Die genauen Regeln stehen in der Weiterbildungsordnung der jeweiligen Landesärztekammer.

Quellen

Zuletzt geprüft am 25.10.2026. Rechtliche und finanzielle Angaben können sich ändern.